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„Es geht noch viel!“

 

Errol Marklein im Gespräch über die Para-Cycling Weltmeisterschaft 2013 im kanadischen Baie-Comeau und die Zukunft des Handbike-Sports

Errol Marklein
Errol Marklein

Porträtbild

 

Zur Person

Paralympics-Goldmedaillengewinner, Europameister, Weltmeister – es gibt kaum einen Titel im Leistungssport, den Errol Marklein in internationalen Rennrollstuhl- und Handbike-Wettkämpfen ausgelassen hat. Er ist nicht nur einer der erfolgreichsten Rollstuhlathleten Deutschlands, sondern auch wichtiger Impulsgeber im internationalen Behindertensport und engagierter Verfechter des Inklusionsgedankens.

Nie hat sich Marklein, der als 18-Jähriger durch einen Autounfall querschnittgelähmt wurde, mit vermeintlichen Grenzen abgefunden. Diese selbst zu überwinden und auch anderen Menschen mit Handicap ein motivierendes Beispiel zu sein, ist seit jeher sein Antrieb.

Zu Beginn der 1980er Jahre fand er bei der Firma Sopur, heute Sunrise Medical, die richtigen Mitstreiter, mit denen er an der technischen Entwicklung des ersten Rennrollstuhls tüftelte. Ab da war der Weg für sportliche Höchstleistungen trotz körperlichen Einschränkungen geebnet – für ihn und für andere.

Zwar tritt der 56-Jährige heute nicht mehr bei Wettkämpfen an; sein Enthusiasmus für besondere sportliche Herausforderungen ist jedoch ungebrochen. So nahm er beispielsweise auch in diesem Jahr am Styrkeproven-Rennen, dem weltweit härtesten Radmarathon auf der 540 km langen Strecke zwischen Trondheim und Oslo, teil.

Für den verheirateten Vater einer Tochter, der mit seiner Familie in der Nähe von Heidelberg lebt, ist es in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, seine Lebenserfahrung in die Förderung talentierter junger Menschen im Behindertensport einfließen zu lassen. Von seinem vielseitigen Engagement, etwa als Mitinitiator der Rennserie „Handbike Trophy“ (HT) oder als Leiter des Team Sopur, profitiert die gesamte Handbike-Szene.

 

 

Errol Marklein, Sie waren über drei Jahrzehnte hinweg als Spitzensportler im Rennrollstuhl und Rennbike erfolgreich. Wie kamen Sie zum Leistungssport?

 

Errol Marklein: „Seinen Anfang nahm alles damit, dass mich der Rollstuhl, auf den ich nach meinem Unfall angewiesen war, darin einschränkte in mein voriges Leben zurückzukehren. Ich wollte wieder mitmachen bei meinen Kumpels, Neues ausprobieren. Die engen Grenzen, die mir durch den Rollstuhl gesetzt wurden, konnte ich nicht akzeptieren. Warum nicht einen Rollstuhl bauen, mit dem mehr möglich ist? Diese Frage stellte sich mir immer drängender. Und je mehr Skepsis meiner Idee entgegengebracht wurde, umso mehr Lust verspürte ich, neue Wege zu suchen und es auszuprobieren, und zwar selbst mit dem Risiko zu scheitern. Es war ein Glücksfall, dass ich in dieser Zeit den Sopur-Gründern Hugo Sorg und Erich Purkott begegnete. Bald darauf ich mit dem ersten Rennrollstuhl Europas durchgestartet.“

 

 

An welche Meilensteine im Lauf Ihrer Karriere erinnern Sie sich besonders gerne?

 

Errol Marklein: „Meine persönlichen Highlights entstanden immer dann, wenn ich etwas gewagt habe, das vorher noch keiner versucht hatte. Beispielsweise bin ich 1982 – sieben Jahre nach meinem Unfall – erstmals 100 km mit dem Rennrollstuhl gefahren, was viele damals nicht für möglich gehalten hatten. Dieses „geht nicht“, hat mich schon immer besonders angestachelt. So war es auch, als ich einige Sportkollegen vom Team Sopur im Jahr 2009 dafür begeistern konnte, eine Umrundung des Genfer Sees mit mir gemeinsam in weniger als fünf Stunden zu versuchen. Es schien unmöglich, den Rekord, den ich einige Jahre zuvor selbst aufgestellt hatte, zu brechen. Aber als es darauf ankam, schafften wir es doch, und zwar deshalb, weil wir einen enormen Teamgeist entwickelt hatten.

Aus der Leistungssport-Perspektive war meine Teilnahme an den Paralympics in Seoul im Jahr 1988 ein besonderer Höhepunkt, zumal ich wenige Monate vor den Spielen wegen einer schweren Blutvergiftung noch völlig außen vor war. Und dann wurden es sechs Goldmedaillen! Letztendlich sind solche außergewöhnlichen Erfolge immer auch die Konsequenz einer positiven mentalen Haltung. Das versuche ich heute meinen Sportlern im Team Sopur zu vermitteln.“

 

 

Das Team Sopur hat in den vergangenen Jahren etliche Nachwuchstalente hervorgebracht, die nun auch bei internationalen Wettkämpfen aussichtsreich antreten. Was macht den Erfolg dieses Teams aus?

 

Errol Marklein: „Was die Mitglieder im Team Sopur verbindet ist einerseits der unbedingte Wille selbstbestimmt zu leben und andererseits die Lust und Fähigkeit Herausragendes zu leisten. Darüber hinaus sind die einzelnen Persönlichkeiten, ihre jeweiligen Begabungen und ihre Nationalitäten so vielseitig und facettenreich wie das Leben selbst. Schon in den 80er Jahren als wir den Stein ins Rollen brachten, hatten wir nicht nur den Leistungssport im Auge. Vor allem wollten wir im Team starke, authentische Persönlichkeiten zusammenbringen, die durch ihre Leistung und ihre Haltung anderen behinderten Menschen Mut machen können. Deshalb haben im Team Sopur nicht nur Ausnahmeathleten, wie etwa der erfolgreiche Handbiker Vico Merklein oder das junge Monoski-Talent Anna Schaffelhuber, ihren Platz, sondern auch ganz „normale“ Amateursportler. Entscheidend ist, dass sie in ihrem Umfeld Sinnreiches bewegen. Wenn Sie nach Erfolgsfaktoren fragen, dann sind sicherlich die gegenseitige Motivation und Inspiration ebenso wie der besonders ausgeprägte Teamgeist sehr hoch anzusiedeln.“

 

 

Unter den Nominierten für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft, die vom 29.08. bis 01.09.2013 im kanadischen Baie-Comeau stattfindet, sind auch Team Sopur-Sportler. Wie schätzen Sie die Chancen auf Medaillenplätze ein?

 

Errol Marklein: „Neben den bereits wettkampferfahrenen Team Sopur-Handbikern Arkadiusz Skrzypinski aus Polen und Vico Merklein aus Deutschland wird in der Klasse H3 auch der Däne Kim Klüver Christiansen antreten. In der Klasse H2 ist unser finnisches Team-Mitglied Jani Peltopuro nominiert. Alle Teilnehmer haben in der laufenden Saison ihr Leistungsvermögen unter Beweis gestellt und ich traue jedem Einzelnen einen Platz auf dem Podium zu. Die H3-Fahrer profitieren vom Vorteil als Gruppe zu starten und sich gegenseitig mental unterstützen zu können. Ungeachtet der guten Perspektiven ist diese Weltmeisterschaft in jedem Fall eine wichtige Vorbereitung auf die Paralympics in Rio de Janeiro in 2016.“

 

 

Nach welchen Nominierungskriterien wird überhaupt entschieden, wer an internationalen Wettkämpfen teilnehmen darf?

 

Errol Marklein: „Der Bundestrainer im Radsport des Deutschen Behindertensportverbands, derzeit Patrick Kromer, wählt nach seinem Ermessen die Sportler aus, die für Deutschland starten dürfen. Dabei erhält jede Nation die Anzahl von Plätzen, die seinen Weltranglistenpunkten entsprechen. Der Bundestrainer entscheidet ausschließlich nach dem Kriterium der besten Medaillenchancen. In dem Zusammenhang hatten es die Handbiker in Deutschland lange Zeit schwer, unter den Radsportlern mit Handicap für eine Teilnahme an Weltmeisterschaften und Paralympics nominiert zu werden.“

 

 

Handbike-Wettkämpfe sind noch nicht lange bei Weltmeisterschaften und Paralympics vertreten. Wie entwickelt sich diese relativ neue Disziplin im Behinderten-Leistungssport?

 

Errol Marklein: „Erstmals gab es den Handbike-Wettbewerb bei den Paralympics 2004, allerdings dominiert durch die Kniebiker. Die Liegebiker sind erst seit den Paralympics 2008 in fast allen Kategorien vertreten. Seither steigt die Zahl der Starter in Handbikes kontinuierlich. Das Nebeneinander dieser beiden Sportgeräte erweist sich jedoch zunehmend als Hemmschuh für die Disziplin insgesamt, fehlt es doch an objektiver Vergleichbarkeit. Im Sinne einer positiven Weiterentwicklung des Handbike-Sports wäre es wünschenswert, dass sich die „Szene“ auf einen Biketyp einigt, der sich für alle Handbike-Sportler eignet – mit oder ohne Beine, Tetra- oder Paraplegiker.“

 

 

Wie haben Sie in Ihrer aktiven Leistungssportkarriere vor großen Wettkämpfen trainiert und wie bereiten sich die Handbike-Wettkämpfer heute auf Ereignisse wie die WM vor?

 

Errol Marklein: „Dank neuer technischer Möglichkeiten ist die Wettkampfvorbereitung heutzutage viel effizienter als vor einigen Jahren. So bin ich beispielsweise mit Blick auf die Paralympics 2004 schon im Herbst 2003 nach Athen geflogen, um die Strecke hoch und runter zu fahren und dabei verschiedene Kurbeln, Schaltungen und Übersetzungen auszuprobieren. Dann habe ich mit der Videokamera die Topografie der Strecke gefilmt. Wieder zu Hause habe ich dann alle Daten in meine Trainingsrolle eingegeben und das Streckenvideo immer wieder auf dem Fernseher angeschaut. Heute besorgen sich die Athleten die Streckentopografie ganz einfach über Google Earth und füttern damit das computergestützte Trainingsprogramm. Sie kommen bestens vorbereitet einige Wochen vor dem Wettkampftermin ins Trainingslager an die Strecke und können vor Ort ihre Reifen, Kettenblätter und sonstigen Bike-Teile passgenau justieren. Außerdem gibt es heute in der Regel nur noch ein sportliches Highlight pro Jahr, auf das alle physischen wie auch technischen Vorbereitungen konsequent ausgerichtet werden.“

 

 

Im Behindertensport wird selten über Doping gesprochen. Können Sie als Leiter des Team Sopur die Hand dafür ins Feuer legen, dass Ihre Team Sopur-Sportler Doping-frei sind?

 

Errol Marklein:Fakt ist, dass der Behindertensport ebenso der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA) unterliegt wie der Nichtbehindertensport. Warum sollten gerade behinderte Sportler davor gefeit sein zu betrügen? Im Team Sopur legen wir deshalb sehr viel Wert auf das mentale Training. Wir favorisieren eine Grundeinstellung, die von der Überzeugung auf Erfolg geleitet ist, und lehnen eine Haltung, die von Furcht auf Misserfolg geprägt ist, ab. Wir trainieren in einem Klima, das von sportlichen Tugenden wie Fairness, Teamgeist und Stolz auf die eigene Leistung – auch wenn es kein Spitzenergebnis ist – geprägt ist. Das beste Doping ist, wenn Sportler an sich selbst glauben. Mehr braucht es nicht. Aus meiner eigenen Erfahrung bin ich tief davon überzeigt, dass Lob und positive Anreize einem Menschen Flügel verleihen können. In diesem Sinne begleite und fördere ich unsere Team-Athleten.“

 

 

In den Rennbikes wurden in jüngster Vergangenheit Zeiten gefahren, die vor kurzem noch niemand für möglich hielt. Sind aktuelle Ergebnisse, etwa die Unterschreitung einer Stunde auf der Marathonstrecke beim 12. Internationalen Heidelberger Rollstuhlmarathon 2013, überhaupt noch zu toppen? Oder sehen Sie die Leistungsgrenzen im Handbike-Sport allmählich erreicht?

 

Errol Marklein:Die kontinuierliche technische Weiterentwicklung der Handbikes eröffnet immer wieder neue Chancen für Steigerungen. Allein was im Bereich der Aerodynamik und den Fahreigenschaften in den letzten Jahren optimiert wurde, spricht dafür. Wichtig ist, dass die aktiven Sportler und die technischen Entwickler auch in Zukunft im engen Austausch bleiben. Die Erfahrungen auf der Strecke müssen ausgewertet werden und Erkenntnisse aus Forschung wie auch der Anwenderpraxis systematisch in die Weiterentwicklung einfließen. Meines Erachtens geht dann noch einiges!“

 

 

Wie ist es um den Nachwuchs im Handbike-Leistungssport bestellt?

 

Errol Marklein: „Systematische Nachwuchsarbeit ist unverzichtbar für die Zukunft jeder Sportdisziplin. Im Handbike-Sektor kann noch mehr erreicht werden, wenn sich alle interessierten Institutionen, Interessenvereinigung und Unternehmen stärker vernetzen und an einem Strang ziehen. Gerade bei der Kinder- und Jugendsportabteilung des Deutschen Rollstuhl-Sportverbandes und bei ausgewählten Selbsthilfegruppen lohnt sich die aktive Nachwuchsarbeit. Bei der Ansprache dieser jungen Menschen zeigt sich auch immer wieder, wie wichtig und motivierend authentische Vorbilder sind, mit denen sich Nachwuchssportler identifizieren können.“


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